Spätestens als die USA 1917 “im Kampfe für den endgültigen Weltfrieden und die Befreiung der Völker” (Woodrow Wilson) in den Ersten Weltkrieg eintraten, bildete sich das US-amerikanische Selbstverständnis eines für globale Freiheit und Demokratie Sorge tragenden Weltpolizisten heraus. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990/91, können die Vereinigten Staaten darüber hinaus für sich in Anspruch nehmen, die einzige verbleibende Supermacht zu sein. Wer jedoch den “Arlington National Cemetery” vor den Toren von Washington D.C. besucht, wird mit dem Preis US-amerikanischer Weltmacht konfrontiert. Ich habe mich am Sonntag auf den Weg gemacht, diese beiden einander gegenüberstehenden Wirklichkeiten in Augenschein zu nehmen.

Flussabwärts des Potomac River geht es zunächst vorbei am “Theodor Roosevelt Island”, bevor sich mir ein beeindruckender Blick auf das “Lincoln Memorial” und das “Washington Monument”bietet, Symbole amerikanischer Macht. Schließlich erreiche ich die “Arlington Memorial Bridge”, die Verbindung zwischen “Lincoln Memorial” am östlichen und “Arlington National Cemetery” am westlichen Ufer des Potomac - 660 schnurrgerade Meter, die zwei Welten gleichzeitig voneinander scheiden und vereinen.

Ich habe kaum den “Arlington National Cemetery” betreten, als mir ein Schauer den Rücken herunterläuft. Vor mir tut sich ein Meer von Gräbern auf, das bis zum Horizont reicht. Der “Arlington National Cemetery” ist die letzte Ruhestätte für über 250 000 US-Soldaten, die für ihr Vaterland gefallenen sind. Weiße, einfache Grabsteine gedenken der Opfer aus jedem Krieg, vom Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865 bis zu gegenwärtigen Konflikten wie dem Irak-Krieg. Jetzt im Winter wirkt der Friedhof besonders gespenstisch, obgleich auch in den kalten Monaten zahlreiche Amerikaner zum “Allerheiligsten der Nation” (so verkündet es ein Schild am Eingang des Friedhofs) pilgern.

Ich gehe durch die endlosen Gräberreihen, lese einige der Namen der gefallenen Soldaten, viele von ihnen junge Männer, in meinem Alter. Obgleich keiner dieser Namen für mich eine persönliche Bedeutung hat, ist mir doch bewusst, dass mit jedem der Grabsteine eine Geschichte verbunden ist; manch einer mag in glühender Überzeugung für sein Vaterland gefallen sein, den weitaus größten Teil wird dagegen wohl niemand gefragt haben, ob er gegen einen Feind kämpfen möchte, dessen Territorium tausende Meilen von der Heimat entfernt ist.

Ich komme zum Grab des Unbekannten Soldaten, ein aus sieben Marmorplatten bestehendes Grabmal, das die Überreste je eines unbekannten Soldaten aus den Weltkriegen und dem Koreakrieg (sowie bis 1998 eines Soldaten aus dem Vietnamkrieg) enthält. Vor dem Grab patroulliert ein Soldat des 3. US-Infanterieregiments, das Gesicht eine ausdruckslose Maske. Ich frage mich, was seine Augen hinter der schwarz getönten Sonnenbrille ausdrücken mögen. Pflichtbewusstsein? Stolz? Kälte? Nachdenklichkeit? Furcht? Ich kann es nicht sehen.

In der Ferne, an einem Mast neben dem “Arlington House”, flattert die amerikanische Flagge im Wind. Stolz und trotzig überblickt sie das unendliche Leid - ein Sinnbild dafür, dass auch in Zukunft noch unzählige junge Männer ihr Leben für eine Idee lassen werden, die längst ihrer ursprünglichen Grundsätze beraubt worden ist. Die Sonne bricht durch die Wolken, ein denkwürdiges Licht-Schatten-Spiel beginnt: Die weißen Grabsteine glänzen im Sonnenschein und werfen gleichzeitig lange Schatten - Schatten auf die braun-grünen Hügel, Schatten auf die amerikanische Geschichte.

Ich habe genug gesehen und verlasse den Friedhof. Ich stehe erneut am Tor zur “Arlington Memorial Bridge”. Hinter mir verschwimmen die Grabsteine auf den Anhöhen des “Arlington National Cemetery” zu weißen Punkten. Eine halbe Meile vor mir wächst der Obelisk des “Washington Monument” in den Himmel. Ich überquere den Potomac River und bin zurück in einer Wirklichkeit, die letztlich doch unwirklich ist.

One Response to ““Arlington National Cemetery” oder der Preis US-amerikanischer Weltmacht”

  1. Bastian B. Says:

    Wow, was für ein erster Beitrag. Bin schon richtig gefesselt und freue mich auf weitere.
    Gruß,
    Bastian