Block Nr. 1600 der Pennsylvania Avenue gleicht an diesem Samstagmorgen einer großen Baustelle. Dutzende Handwerker arbeiten auf Hochtouren, um den wohl bekanntesten Straßenzug Washingtons für die Amtseinführung Barack Obamas herzurichten - am 20. Januar wird der “President-elect” hier gemeinsam mit First Lady Michelle ins Weiße Haus einziehen. Ich habe mich ein wenig im Dunstkreis des Weißen Hauses umgeschaut und möchte euch von meinen Eindrücken berichten.

Neben dem logistischen Kraftakt ist es vor allem ein dramatisch erhöhtes Aufkommen an Sicherheitskräften, das den “Inauguration Day” für jedermann sichtbar ankündigt. Schon jetzt hat Pennsylvania Avenue 1600 den Charakter einer Festung: Zahlreiche Polizeiautos und -motorräder parken - teilweise mit laufenden Motoren -  vis-à-vis zum Weißen Haus, berittene Polizisten bedenken jeden Passanten mit einem prüfenden Blick, in der Luft zieht ein Helikopter seine Kreise. Keine Frage: Auch das Trauma der Terroranschläge vom 11. September 2001 ist in diesen Tagen präsent.

Am Lafayette-Square hat sich unterdessen ein kleiner Demonstrationszug formiert. “Free Palestine. Let Gaza live”, lese ich auf den Plakaten der Demonstranten. Der kleine Trupp findet kaum Beachtung - der wieder aufgeflammte Konflikt im Nahen Osten fristet in der amerikanischen Öffentlichkeit momentan ein Schattendasein.

In der Mittagszeit sitze ich auf einer Bank gegenüber dem “Washington Monument”, als plötzlich aus verschiedenen Richtungen Polizeisirenen heraneilen. Rasch ist die Kreuzung Constitution Avenue/15th Street gesperrt. Etwas irritiert beobachte ich das Szenario. Ein uneinsichtiger Chrysler-Fahrer sucht und findet eine Lücke in der Straßensperre, kommt jedoch keine 100 Meter weit; er handelt sich ein ‘ticket’ ein. Wenige Minuten später rauscht ein von Polizeimotorrädern eskortierter Tross schwarzer Vans mit dunkel getönten Scheiben über die Kreuzung, dann ist das Spektakel vorbei.

Ich mache mich auf den Weg in Richtung Capitol - und werde ein zweites Mal mit der ambivalenten Wirklichkeit der US-Hauptstadt konfrontiert. Während sich das offizielle Washington DC für ein rauschendes Fest rüstet - Barack Obama kann für die Feierlichkeiten am 20. Januar über 40 Mio. US-Dollar Spendengelder einplanen - kämpfen sie ums nackte Überleben.  Auf einer Wiese vor dem “Department of Commerce” (US-Handelsministerium) registriere ich sie erstmals bewusst. Gehüllt in Lumpen, sitzen sie auf einem Lüftungsgitter, aus dem warme Abluft geräuschvoll an die Oberfläche tritt. Sie sind die homeless people von Washington DC, Obdachlose. Geographisch betrachtet, leben sie in der Herzkammer der Vereinigten Staaten, faktisch fristen sie ein elendes Dasein außerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Der Anblick dieser armen Menschen schmerzt, besonders jetzt im Winter. Ihre Habseligkeiten passen in ein kleines Bündel, das ihnen gleichzeitig als Kopfkissen dient, ihre abgewetzte Kleidung bietet kaum Schutz vor der oftmals klirrenden Kälte.

Die Lust auf den Capitol-Besuch ist mir vergangen, ich mache mich auf den Rückweg nach Hause. Mein Blick ist nun sensibilisiert. In einem Häusereingang liegt ein weiteres Bündel, ein Bündel Mensch, eingewickelt in alte Teppichreste. Der Anblick schmerzt so sehr. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdecke ich ein Starbucks Coffee House; ich kaufe eine heiße Schokolade und einen Blaubeer-Scone, bringe sie dem Obdachlosen und ernte ein mattes, aber von Herzen kommendes “thank you so much”.

Ich begegne auf meinem Heimweg noch erschreckend vielen homeless people, und erschreckend ist auch die Tatsache, dass etwa 90 Prozent von ihnen afroamerikanischer Herkunft sind. Die Diskriminierung Schwarzer ihrer Hautfarbe wegen, mag im Amerika des 21. Jahrhunderts überwunden sein, die soziale Not vieler Afroamerikaner ist es nicht. Möglicherweise ist Barack Obama als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten die letzte Hoffnung für diese Menschen.

Wenn Barack Obama in 10 Tagen als frisch vereidigter Präsident unter Jubelstürmen in Block Nr. 1600 der Pennsylvania Avenue einbiegt, werden die homeless people von Washington DC wohl nicht unter den Zuschauern sein. Vielleicht werden einige von ihnen auf dem Lüftungsgitter des “Department of Commerce” sitzen, dem Spektakel lauschen und hoffen, dass sich der neue Herr des Weißen Hauses eines Elends annimmt, das nur einen Steinwurf von seiner Pforte entfernt beginnt.

7 Responses to “Ein Samstag im Regierungsviertel”

  1. Anna-Lena Says:

    Vielen Dank, dass du uns auf diese Art und Weise an deinem sensiblen Blick auf Washington teilhaben lässt! Das Gefühl wird durch deinen Text sehr gut spürbar.
    Gibt es auch Dinge, die dich aufgrund ihrer Andersartigkeit faszinieren, die den vielbeschworenen american way of life im positiven Sinne ausdrücken? So lass uns auch davon erfahren.
    Alles Liebe!

  2. MKAU Says:

    Guten Morgen Frederik, WOW - deine Einträge sind
    grossartig; mit Herzblut geschrieben! Blog wird
    zur “Pflichtlektüre”.

    Bin auch gespannt auf das eine oder andere Foto!

    Beste Grüße und eine spannende Woche!

  3. Angelika Bimberg Says:

    Hallo Feddi,

    habe Deine Artikel gelesen. Finde ich sehr lesenswert und bin auch auf weitere Themen gespannt. Zum armen Obdachlosen hätte ich nur einen Kommentar hinzuzufügen:
    Im Fernsehen kam letzte Woche ein Interview über und mit Obdachlosen. Es sind z.T. in Anführungszeichen Landstreicher, Individualisten, bzw. Abenteurer. Sie wollen nicht in jedem Fall bedauert werden, da sie absolut so leben wollen. Es mag auch andere geben, aber wir haben Häuser und auch in Amerika gibt es ebenfalls besondere Häuser für solche Leute, die auch manchmal aufgesucht werden, aber schlafen wollen sie meistens auf der Straße, selbst in der arktischen Kälte. Sie haben, so habe ich es empfunden, einen absoluten Stolz und mit dem Wissen unterhält oder lädt man sie ein (zum Gespräch, Getränk oder zu einer Malzeit.
    Liebe Grüße
    Angelika

  4. Frederik Says:

    Hallo Angelika,

    vielen Dank für deinen Eintrag. Es freut mich sehr, dass ihr meinen Blog verfolgt!
    Leider konnte ich den Eindruck der Fernsehreportage nicht bestätigen. In keiner anderen Stadt der USA gibt es im Verhältnis zur Gesamteinwohnerzahl mehr Obdachlose als in Washington, das deshalb auch als “Hauptstadt der Obdachlosen” gilt. Ich habe in aller Regel in die Gesichter gebrochener Menschen geblickt, deren Sturz ins Bodenlose das weitmaschige soziale Auffangnetz der USA nicht abzufedern vermochte.
    Lassen wir uns dennoch hoffen, dass sich möglichst viele der homeless people zumindest ihren Stolz bewahrt haben, wenn sie auch sonst ohne jegliche Habe sind.

    Viele Grüße, Frederik

  5. Ulla Says:

    Hi Freddy,

    es ist schön an deinem Aufenthalt in den USA so teilnehmen zu dürfen. Deine Artikel veranschaulichen deine Eindrücke und bringen mir Amerika näher.

    Gruß Ulla

  6. Bärbel und Klaus-Peter Says:

    Hallo Frederik,

    super Berichte.
    Wir sind sehr gespannt auf die Fortsetzungen.

    Bis bald.

    Bärbel und Klaus-Peter

  7. Thomas Says:

    Moin Freddy,

    hoffe, Deine Gänsehaut, bedingt durch das kalte Wetter in D.C. und die Amtseinführung von Obama, ist inzwischen wieder abgeflaut. Hatte ja wohl gedacht, Du drängst Dich auf der Mall in eine ARD-Kamera, damit wir Dich in good old germany mal sehen können, aber wie immer hast Du bescheiden im Hintergrund gefroren.

    Wünsche Dir weiterhin alles Gute.

    Viele Grüße von allen, Thomas