Inauguration     Inauguration     Inauguration     Inauguration


Es war das rauschende Fest, für das sich die Hauptstadt der Vereinigten Staaten seit Monaten gerüstet hatte; es war die monumentale Selbstinszenierung der letzten verbleibenden Weltmacht am Beginn einer neuen Ära; es war ein  Feuerwerk der großen Emotionen, dessen Nachhall wohl noch lange fortwirken wird  – es war der Tag des Barack Hussein Obama, des ersten schwarzen Präsidenten in der Geschichte der USA. Ich hatte das große Glück, den „Inauguration Day“ vor Ort miterleben zu dürfen in und möchte von meinen Eindrücken berichten.

 

Es ist empfindlich kalt an diesem 20. Januar, das Thermometer zeigt 19° Fahrenheit, -7° Celsius. Dennoch ist die ganze Stadt auf den Beinen, Kinder und Greise, Arme und Reiche, Schwarze und Weiße – alle streben sie in Richtung Kapitol und niemand von ihnen möchte heute den eisigen Wind missen, der durch die Straßen von Washington DC bläst, ist es doch der „wind of change“, der den lange ersehnten Wandel bringt. Das Gesicht dieses Wandels, das Gesicht Barack Obamas, trägt nahezu jeder an seinem Revers mit sich – Obama-Buttons gibt es in allen Variationen, in der Regel zeigen sie einen strahlenden Barack Obama, vereinzelt  blickt der nationale Hoffnungsträger aber auch ernst und nachdenklich. 

 

Je näher ich dem Regierungsviertel komme, desto dichter werden die Menschenmassen. Engmaschig ist auch das Sicherheitsnetz, das die US-Army rund um den Einzugsbereich des Weißen Hauses aufgespannt hat: An jeder Straßenecke stehen Militärfahrzeuge, Nationalgardisten sind nach besten Kräften darum bemüht, den Überblick über das Gewimmel zu behalten. Gott sei dank wird an diesem 20. Januar alles friedlich bleiben.

 

Ich erreiche die National Mall, jenen etwa 3 km langen Boulevard zwischen Lincoln Memorial und Kapitol, auf dem das politische und kulturelle Herz der Nation schlägt. Bis zum Washington Monument geht es – wenn auch mühsam – voran, dann tut sich vor mir eine Mauer aus Menschen auf. Jetzt rächt es sich, dass ich erst um 7:30 Uhr aufgebrochen bin – das Kapitol ist von hier nur schemenhaft zu erkennen. Ich beschließe, mich zunächst über die Außenstraßen vorzuarbeiten, um sodann hoffentlich ein Schlupfloch zu finden – was leider ein aussichtsloses Unterfangen ist. Enttäuscht und durchgefroren flüchte ich mich ins „National Air and Space Museum“, das zwar ganz in der Nähe des Kapitols, aber leider auf der „falschen“ Seite der Mall liegt – große Glasscheiben und das obligatorische Aufgebot an Sicherheitskräften trennen mich und zahlreiche andere Leidensgenossen von der jubelnden Menge. Plötzlich bemerke ich eine kleine Gruppe Amerikaner, der es offensichtlich gelungen ist, die Sicherheitskräfte zu erweichen; ich schließe mich der Gruppe unauffällig an, werde mit ihr zu einem Seitenausgang geleitet – und gelange tatsächlich auf das Innere der Mall!

 

Die Stimmung ist gigantisch, ich tauche ein in ein Meer aus Fahnen. Zwei Millionen Menschen sollen es sein, die rund um das Kapitol ein rauschendes, friedliches Fest feiern, ihrem Hoffnungsträger zujubeln. Ich komme gerade rechtzeitig, um die Ankunft George W. Bushs mitzuerleben – laute Buhrufe tönen dem scheidenden Präsidenten entgegen. Um 11:45 Uhr Ortszeit erreicht die Stimmung ihren Siedepunkt, „President-elect“ Barack Obama betritt die Stufen des Kapitols, um zu seiner Vereidung zu schreiten – „Obama, Obama“ skandiert die Menge. Ich blicke um mich und schaue in stolze, freundliche Gesichter – es sind die Gesichter der „Black Americans“, der Afroamerikaner, jener Volksgruppe, die allzu lange ihrer Hautfarbe wegen ein Leben als Menschen zweiter Klasse fristete. An diesem 20. Januar 2009 haben es die „Black Americans“ endgültig geschafft – der Triumph Barack Obamas ist auch ihr Triumph.

 

Als Barack Obama dann den Amtseid ablegt, wird es sehr still. Gebannt Blickt die Menge auf die großen Bildschirme, der historische Moment ist gekommen:

 

“Ich, Barack Hussein Obama, gelobe feierlich, dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten getreulich verwalten und die Verfassung der Vereinigten Staaten nach besten Kräften erhalten, schützen und verteidigen will. So wahr mir Gott helfe.“

 

Jetzt gibt es endgültig kein halten mehr. Tosender Jubel bricht aus, viele der Black-Americans liegen sich in den Armen, die eine oder andere Träne fließt. Ich glaube, alle der hier anwesenden „Weißen“ gönnen ihnen diesen Moment von Herzen.

 

Als sich der Jubelsturm etwas gelegt hat und 21 Salutschüsse abgefeuert sind, hält Barack Obama seine erste Rede als US-Präsident. Barack Obama ist ein großer Rhetor, das merke ich sofort. In einer noblen Geste richtet er bereits im dritten Satz das Wort an George W. Bush, um ihm „für den Dienst an unserer Nation und für seine Großzügigkeit und Kooperation während der Übergangszeit“ zu danken – die Menge regt sich kaum, wenn überhaupt ist es ein sehr dünner Höflichkeitsapplaus, mit dem der scheidenden Präsident nach acht Jahren Amtszeit verabschiedet wird. In diesem Moment bedauere ich George W. Bush, dessen Gesicht auf der Leinwand sehr traurig wirkt – ein wenig mehr Dank hätte er verdient gehabt.

 

Barack Obama hält eine sehr kritische Rede, stimmt die Nation auf harte Zeiten ein: „Dass wir mitten in einer Krise leben, ist nur zu klar. Unsere Nation befindet sich im Krieg gegen ein weitreichendes Netzwerk von Gewalt und Hass. Unsere Wirtschaft ist stark geschwächt, eine Folge der Gier und der Verantwortungslosigkeit einiger, aber auch weil wir gemeinsam versagt haben, harte Entscheidungen zu treffen und die Nation auf ein neues Zeitalter vorzubereiten.“ Selbstverständlich lässt er dennoch keinen Zweifel daran, dass die USA auch diese Zeit überstehen werden: „An diesem Tag sind wir zusammengekommen, weil wir die Hoffnung über die Furcht gestellt haben, die gemeinsame Willenskraft über Streit und Zwietracht.“ Die Amerikaner mögen großes Pathos. Mit einem „God bless you and God bless the United States of America“ schließt der neue US-Präsident seine bemerkenswerte Ansprache. In diesem Moment feiert Amerika Barack Obama, Barack Obama Amerika und ganz Amerika sich selbst.

 

Die Inauguration-Zeremonie endet mit einem Gedicht und einer Segnung des neuen Präsidenten Barack Obamas bevor die Menschen schließlich unter den Klängen der amerikanischen Nationalhymne auseinanderströmen. Angesichts der Kälte und meines schon reichlich überstrapazierten Glücks, sehe ich von dem nahezu aussichtslosen Versuch ab, zur Parade durchzubrechen und mache mich auf den Weg nach Hause.

 

Der Lindwurm setzt sich nur mühsam in Bewegung, es dauert noch etwa eine Stunde, bis ich das Regierungsviertel hinter mir gelassen habe. Straßenverkäufer preisen ein letztes Mal ihre Obama-Fanartikel an, wissend, dass die „Obamania“ bald verebben wird. Barack Obama wird es sicherlich nicht einfach haben, die Hoffnungen und Erwartungen einer ganzen Nation zu erfüllen. Doch gleichwohl, was die nächsten Monate und Jahre auch bringen mögen: Die Vereinigten Staaten haben an diesem 20. Januar 2009 allen Grund, stolz zu sein, indem sie endgültig über ihren eigenen Schatten gesprungen sind. Ich bin froh, Zeuge dieses historischen Ereignisses gewesen zu sein.

 

Viele Grüße, euer Frederik

 

 

7 Responses to “Inauguration Day: Amerika feiert Barack Obama und sich selbst”

  1. MKAU Says:

    Hallo Frederik, danke für die faszinierende Schilderung der Historie, an der D U teilhaben DURFTEST!!

    Deine Blog - Eintrag stellt die hiesige Presse
    in den Schatten!

    Liebe Grüße über den großen Teich !!!!

  2. Anna-Lena Says:

    Wow!!! Schon vor dem Fernseher hatte man Gänsehaut, jetzt umso mehr, unglaublich, dass du mittendrin sein konntest…!!!

  3. Sinje Says:

    Hallo Frederik,

    eine wirklich beeindruckende Schilderung des historischen Momentes der Vereidigung Obamas. Ich bin wirklich begeistert, wie gut es dir immer wieder gelingt, Stimmungen verbal einzufangen und freue mich damit auf weitere Berichte..

    Viele Grüße!

  4. Nadja Says:

    hach freddy…

    schau mal hier: http://www.boston.com/bigpicture/2009/01/the_inauguration_of_president.html

  5. Edith Says:

    Lieber Frederik,
    CHAPEAU!! Es macht soviel Spass, deine Erlebnisse nachzulesen. Und in diesen Woche erlebst du Geschichte hautnah,ganz viel Freude noch in den kommenden Wochen. and keep up the spirit like the Americans - have a nice day!
    Niemand kann ihnen ihren Optimismus nehmen.
    Liebe Grüsse aus Heidelberg
    Edith

  6. Angelika Bimberg Says:

    Hallo Feddi,
    ich muss mich doch melden. Ich bin begeistert, wie Du alles im Griff hast. Da ich am 20.01.09 60 Jahre wurde habe ich natürlich eine Karte mit dem Präsidentenkonterfei und dem nötigen Erinnerungsspruch bekommen. Es war bei meinen vielen Besuchern natürlich auch das Thema. Ich habe schon überlegt, ob die Karte als eine zusätzliche Stimme des Deutschen Volkes zu verwenden ist.

    Herzlichen Gruß
    Angelika

  7. Luise+Mariano Hernandez Says:

    Hallo Frederic,
    es macht wirklich Freude, Deine Berichte aus Washington D.C. zu lesen. Wir freuen uns mit Dir, dass Du diese Zeit in Amerika verleben kannst, und dass Du so viel Glück hattest, die Vereidigung fast “hautnah” zu erleben. Davon sind wir aber auch ausgegangen. Vielleicht lesen wir ja in einem Deiner nächsten Beiträge etwas über Deine dortige Arbeit. Egal, was kommt, wir werden weiter lesen. Viel Glück und gutes Gelingen bei allem, was Du dort machst.
    Liebe Grüße von Deinen “alten” Nachbarn vom Schieferbruch.