Can he?

January 28th, 2009

Mit einer der höchsten Zustimmungsraten, die jemals für einen US-Präsidenten verzeichnet wurden, hat Barack Obama vor gut einer Woche die Amtsgeschäfte aufgenommen - der erste schwarze US-Präsident in der Geschichte der USA ist in diesen Tagen und Wochen der Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Was ist das Faszinierende an der Persönlichkeit Barack Obamas? Kann er dem Land den viel beschworenen “change” bringen? Ist er der “Messias”, zu dem er in den Medien bisweilen stilisiert wird - oder ist er vielleicht doch nur ein Mensch und als solcher in seinem Handeln limitiert?

Ich habe am Wochenende vor der Amtseinführung einige US-Bürger nach ihrer Wahrnehmung Barack Obamas und ihren ganz persönlichen Hoffnungen und Erwartungen für die bevorstehenden vier Jahre gefragt. Man begegnete mir mit einer  bemerkenswerten Freundlichkeit und Offenheit, wie ich sie von den chronisch gestressten und beim Klang des Wortes “Interview” in aller Regel reflexartig die Flucht ergreifenden Deutschen nicht gewohnt bin. Im Folgenden möchte ich fünf meiner Gesprächspartner zu Wort kommen lassen.

Hilary, 44 Jahre, Porträtfotograf      hilary

Hilary, ein erfolgreicher Porträtfotograf aus Los Angeles, geht mit dem scheidenden US-Präsidenten George W. Bush hart ins Gericht: “Die Wahl George Bushs zum Präsidenten war das Dümmste, was die Amerikaner je getan haben. Ich bin sehr erleichtert, dass seine Amtszeit endlich vorüber ist.” Seinen Landsleuten wirft Hilary in diesem Zusammenhang eine Kultur der politischen Indifferenz vor.

Wenn der exzentrische, modebewusste Mittvierziger von Barack Obama spricht, gerät er ins Schwärmen: “Er hat eine klare Vision für seine Präsidentschaft. Er verbindet Verstand, Umsicht und Ehrlichkeit zu einer vollkommenen Einheit. Ich bin besessen von diesem Mann.” Dennoch warnt er davor, in Barack Obama eine Art Messias zu sehen: Die Medien haben dieses Bild entworfen, ich halte das für verantwortungslos und gefährlich. Barack Obama ist auch nur ein Mensch - wir dürfen ihn mit unseren Erwartungen nicht überfordern.”

Caridee, 22 Jahre, Studentin    caridee

Die 22-jährige Caridee, eine stilvolle junge Frau, gehört zu jenen wissensdurstigen Asian-Americans, denen die amerikanischen Eliteuniversitäten hervorragende Perspektiven für sozialen Aufstieg bieten. Gefragt nach ihren Hoffnungen für die Präsidentschaft Barack Obamas, denkt sie sofort an die nach wie vor große Zahl sozial isolierter Zuwanderer: Ich hoffe sehr, dass sich Barack Obama seiner Wurzeln erinnert und für eine bessere Integration der ehtnischen Minderheiten sorgt.”

Die zurückhaltende Studentin ist überzeugt, dass der neue Präsident den im Wahlkampf versprochenen Wandel auch tatsächlich einleiten wird; insbesondere erwartet sie neue Akzente für die Sozial- und Gesundheitspolitik. Besorgt zeigt sich Caridee allerdings mit Blick auf das geringe Alter Barack Obamas - der 47-Jährige ist der jüngste US-Präsident aller Zeiten: “Es bleibt abzuwarten, ob Barack Obama über die notwendige Erfahrung verfügt, um die USA auf außenpolitischem Terrain sicher zu führen.”

James, 52 Jahre, Rechtsanwalt     james

Harte Zeiten werden für Barack Obama anbrechen befürchtet James, ein Rechtsanwalt aus Georgetown, Washingtons nobelstem Stadtteil. “Seine Gegner werden jeden Schritt kritisch beäugen - sie wollen Barack Obama scheitern sehen.” Der scharfsinnige 52-Jährige sieht den neuen US-Präsidenten auf einem schmalen Grat: “Wenn er das Tempo durchhält, dass er seit seinem Wahlsieg im November letzten Jahres vorlegt, wird es eine tolle Amtszeit - sollte er aber nachlassen, werden seine Widersacher über ihn herfallen und das ganze System Obama könnte in Rauch aufgehen.” Mit der Wirtschafts- und Finanzkrise komme zudem ein externer Faktor hinzu, dessen Auswirkungen auf die neue Regierung kaum berechenbar seien.

James selbst erhofft sich von Barack Obama vor allem einen Kurswechsel in der Außenpolitik: “Es ist kein Geheimnis, dass das Image der USA in den letzten acht Jahren stark gelitten hat. Barack Obama muss und wird dafür Sorge tragen, dass unsere Glaubwürdigkeit in der Welt wiederhergestellt wird.”

Marcia, 53 Jahre, Wirtschaftsberaterin Medien- und Unterhaltungsindustrie     marcia

“1000 mal ja” - für Marcia, eine in New York wohnhafte Wirtschaftsberaterin im Sektor der Medien- und Unterhaltungsindustrie, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass Barack Obama sein Wahlversprechen einhalten und dem Land Wandel bringen wird. Was macht diesen Barack Obama aus, möchte ich von der aufgeschlossenen 53-Jährigen wissen. “Er ist eine charismatische Persönlichkeit und hat gleichzeitig einen scharfen Intellekt. Barack Obama versteht es, Brücken zu den Menschen zu schlagen; er hört ihnen zu, geht auf jeden von ihnen ein.” Dabei komme dem jetzt mächtigsten Mann der Welt vor allem die eigene Biographie zugute: “Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter musste sich Barack Obama jeden Schritt hart erarbeiten. Er kennt die Sorgen der kleinen Leute.”

Zum Abschluss unseres Gespräches möchte mir Marcia noch eine Botschaft über den Atlantik mit auf den Weg geben: “Wir haben die Welt überrascht, als wir einen Schwarzen zum Präsidenten wählten. Jetzt werden wir die Welt ein zweites Mal überraschen, indem wir uns fortan als kooperationswilliger Partner erweisen, der über den eigenen Tellerrand schaut.”

Lary, 49 Jahre, arbeitsloser Ziegelmacher     lary

Stolz, Dankbarkeit und Gottvertrauen schwingen in der Stimme von Lary, einem arbeitslosen Ziegelmacher: “Mr. Obama, President Obama (ein Doppeltitel, den der 49-Jährige während des gesamten Gesprächs voller Stolz verwendet) wird großartige Arbeit leisten. Er wird das tun, was Gott für ihn vorgesehen hat.” Die Worte dieses warmherzigen Menschen, der trotz seiner materiellen Not und trotz zweier lahmer Beine einen bewundernswerten Optimismus ausstrahlt, berühren mich tief; er spricht voller Inbrunst vom langen Weg, den die Black-Americans zurückgelegt haben: “Wir begannen als Sklaven, unter Blut und Tränen; man verwehrte uns Bildung und brannte unsere Kirchen nieder; man wollte nicht, das wir erfolgreich sind. Jetzt sind wir an der Spitze, niemand kann uns mehr stoppen. Jetzt können wir alles erreichen.”

Lary sagt diese Worte ohne jede Spur von Genugtuung oder nachhallender Bitterkeit - aufrichtiger Stolz auf Barack Obama gepaart mit tiefer Dankbarkeit gegenüber seinem Herrgott sind es, die die Augen des bescheidenen 49-Jährigen glänzen und seine Stimme anschwellen lassen. “Jetzt wird eine Zeit anbrechen, in der wir alle US-Bürger von unseren Ideen überzeugen können - mit Respekt, mit Liebe und mit Gottes Hilfe.”

Yes, he can!  Euer Frederik





4 Responses to “Can he?”

  1. MKAU Says:

    Wünsche Barack Obama viel Glück auf dem steinigen Weg.
    Danke für deine eingefangenen O-Töne - hochinteressant zu lesen!

    Schöne Wochen weiterhin im verschneiten Washington!!

  2. Uli Says:

    Hallo Frederik,

    wirklich eine gute und interessante Idee Interviews zu machen…

    Viele Grüße aus GMH

    Uli

  3. Edith Says:

    We all hope, he can.
    Good job, Frederik
    liebe Grüße Edith

  4. Thomas Says:

    Hi Freddy,

    lange nichts mehr von Dir gehört. Was gibt es Neues aus Deinem Umfeld? Alles in Butter bei Dir? Meld Dich mal bei denen, die Dich vermissen:-))))

    Viele liebe Grüße aus Deiner Münsteraner- Lieblingspressestelle, Thomas